Worship, bewegende Lebensgeschichten aus Israel und eine herausfordernde Botschaft über Vergebung: Am Vorabend des dritten Jahrestages des 7. Oktober erlebten wir in der LIFEHOUSE KIRCHE Albershausen einen Abend, der viele von uns noch lange beschäftigen wird.
Gemeinsam mit Christen an der Seite Israels und der jungen Generation des Werkes durften wir Gäste aus unterschiedlichen Teilen Deutschlands und aus Israel bei uns willkommen heißen. Die Worship-Band SELAH nahm uns mit hinein in die Anbetung – auf Deutsch, Englisch, Hebräisch und sogar Arabisch. Schon darin wurde etwas von der Botschaft dieses Abends sichtbar: In Jesus können Menschen über Grenzen, Sprachen und Herkunft hinweg zusammenfinden.
Doch der Abend führte auch mitten hinein in eine Realität, die kaum in Worte zu fassen ist.
Wenn der 7. Oktober plötzlich ein Gesicht bekommt
Ariel, ein Jesus gläubiger Jude und ehemaliger Soldat der israelischen Marine, erzählte seine persönliche Geschichte vom 7. Oktober 2023.
Als am frühen Morgen Raketen, Explosionen und Sirenen zu hören waren, befand er sich im Dienst. Während er seine Soldaten auf den Einsatz vorbereiten musste, wusste er gleichzeitig: Seine eigene Familie lebte nur wenige Kilometer vom Gazastreifen entfernt – mitten in dem Gebiet, in das Terroristen eingedrungen waren.
Er versuchte seine Mutter, seinen Vater und seine Geschwister zu erreichen. Zunächst antwortete niemand.
Schließlich erreichte er seine Schwester. Sie war durch Raketensplitter verletzt worden und auf dem Weg ins Krankenhaus. Später bekam er Kontakt zu seiner Familie – begleitet von Schüssen, Explosionen und der quälenden Ungewissheit, ob er sie jemals wiedersehen würde.
Und trotzdem musste Ariel seine Aufgabe erfüllen.
Drei Tage war er im Einsatz. Seine Familie überlebte und konnte evakuiert werden. Andere Menschen aus seinem Umfeld überlebten diesen Tag nicht. Freunde, ehemalige Mitschüler und seine frühere Englischlehrerin gehörten zu den Opfern.
Plötzlich waren die Ereignisse des 7. Oktober keine Nachrichtenbilder mehr. Sie hatten Namen. Gesichter. Familien. Geschichten.
„Ich kann nicht kontrollieren, was geschieht – aber ich kann entscheiden, wem ich vertraue.“
Auch Ariel selbst blieb vom Krieg nicht unversehrt. Nach einem Einsatz waren die Schmerzen so stark, dass Ärzte ihm erklärten, ein weiterer Kampfeinsatz könne dauerhafte körperliche Schäden verursachen.
Für einen jungen Mann, dessen ganzes Denken darauf ausgerichtet war, seine Familie, seine Kameraden und sein Land zu schützen, brach damit eine Welt zusammen.
Doch genau an diesem Punkt wurde seine Geschichte zu einem beeindruckenden Glaubenszeugnis.
Ariel erzählte, wie er erkannte: Ich kann nicht kontrollieren, was mir im Leben geschieht. Aber ich kann entscheiden, wie ich darauf reagiere.
Er entschied sich, Gott neu zu vertrauen – mit seinem Körper, seinem Schmerz, seiner Familie und seiner Zukunft. Einige Zeit später erlebte er eine vollständige körperliche Wiederherstellung und konnte wieder laufen, trainieren und Sport treiben. Statt selbst weiterzukämpfen, bekam er schließlich die Aufgabe, junge Soldaten auszubilden.
Seine Botschaft an uns war einfach und kraftvoll:
Es gibt Dinge, die wir uns niemals ausgesucht hätten. Aber wir können entscheiden, was wir aus dem machen, was uns widerfährt – und wem wir mitten darin vertrauen.
Eine noch größere Herausforderung: den Feind lieben
Danach erzählte Deborah ihre Geschichte.
Auch sie diente während des Krieges in der israelischen Armee und wurde 2024 in einem temporären Gefängnis eingesetzt, in dem Terrorverdächtige bewacht wurden. Sie sprach offen über den Hass und die Wut, die sie damals in sich trug.
Nach allem, was geschehen war, erschien ihr dieser Hass verständlich.
Doch in einer konkreten Situation wurde sie innerlich mit den Worten Jesu konfrontiert:
„Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen.“
Plötzlich ging es nicht mehr nur um politische Positionen oder um die Frage nach Israel. Es ging um das Evangelium.
Deborah erzählte, wie schwer es ihr fiel, diese Worte Jesu auf Menschen anzuwenden, die ihrem Volk unvorstellbares Leid zugefügt hatten. Doch ihr wurde neu bewusst, dass Jesus selbst am Kreuz für diejenigen betete, die ihn folterten und töteten:
„Vater, vergib ihnen.“
Vergebung, so machte sie deutlich, bedeutet nicht, Unrecht kleinzureden. Sie bedeutet auch nicht, auf Gerechtigkeit zu verzichten. Vergebung bedeutet, Rache und das letzte Urteil nicht selbst in der Hand behalten zu müssen.
Ihr Wunsch für ihr eigenes Volk berührte besonders:
Wir werden niemals vergessen – aber wir wollen vergeben.
Plötzlich ging es um uns
Damit nahm der Abend eine unerwartete Wendung.
Denn auf einmal ging es nicht mehr nur um Israel, Hamas, Terror oder Krieg.
Es ging um uns.
Was machen wir mit dem Schmerz, den andere Menschen uns zugefügt haben?
Was machen wir mit Enttäuschungen, Verletzungen, Verrat und Worten, die sich tief in unser Herz eingegraben haben? Was machen wir mit Menschen, denen wir vielleicht seit Jahren etwas nachtragen?
In kleinen Gruppen wurde gebetet. Menschen brachten vor Gott, was sie verletzt hatte. Wir beteten um die Kraft zu vergeben, um Freiheit von Bitterkeit und um Heilung für verwundete Herzen.
Vielleicht war genau das einer der stärksten Momente dieses Abends: Wir waren zusammengekommen, um etwas über Israel zu hören – und plötzlich sprach Gott in unsere ganz persönlichen Geschichten hinein.
An der Seite Israels – und auf der Seite der Versöhnung
Der Abend endete wieder dort, wo er begonnen hatte: in der Anbetung.
Wir beteten für Israel, für das jüdische Volk, für die Menschen, die unter Krieg und Terror leiden, aber ebenso für arabische Christen und für Menschen auf der anderen Seite des Konflikts. Wir beteten darum, dass Jesus Menschen begegnet, Augen öffnet und Versöhnung möglich macht, wo menschlich kaum noch Hoffnung zu sehen ist.
Gerade darin lag eine wichtige Botschaft des Abends: An der Seite Israels zu stehen bedeutet nicht, Hass gegen andere Menschen zu entwickeln. Als Christen sind wir dazu berufen, für Israel einzustehen und gleichzeitig daran festzuhalten, dass Jesus auch seine Feinde liebt und Menschen verändern kann.
So wurde dieser Abend weit mehr als eine Veranstaltung über Israel.
Er wurde zu einem Abend über Schmerz und Hoffnung. Über Krieg und Frieden. Über Gerechtigkeit und Gnade. Über Wunden und Heilung. Und über einen Gott, der Menschen selbst mitten in den dunkelsten Erfahrungen nicht aufgibt.
Eine Frage von Ariel bleibt dabei besonders hängen:
„Was machst du mit dem Schmerz, den das Leben dir zugefügt hat?“
Vielleicht ist genau das die Frage, die wir von diesem besonderen Abend mit nach Hause nehmen dürfen.

